Der Kölner hat den Karneval, der Münchner das Oktoberfest und der Berliner? Tja, der hat den 1. Mai. Denn rund um den Tag der Arbeit verwandelt sich Berlin in eine große Partymeile. Zwar steht der gemeine Berliner auch den Rest des Jahres nicht gerade für Zurückhaltung was Feiern angeht, doch hält der 1. Mai eine Sonderstellung inne.

Dabei lag der Fokus nicht immer auf der großen Party. Traditionell steht der 1. Mai in Kreuzberg für andere Werte: Straßenschlachten zwischen Polizei und Autonomen, brennende Bankfilialen, umgeworfene Wasserwerfer – man kennt die Bilder. Seit den ersten Krawallen im Jahr 1987 herrscht in Kreuzberg alljährlich der Ausnahmezustand. Doch seit Anfang der 2000er Jahre verlor diese Seite des Maifests zunehmend an Bedeutung. Das hängt vor allem mit dem sogenannten Myfest zusammen, dessen Zweck und Motto es ist, gewaltvolle Ausschreitungen durch friedliches Feiern zu ersetzen.

 

Und so treffen sich jedes Jahr aufs neue die Massen in Kreuzberg und flanieren mit Bierflaschen und Plastikbechern über die für Autos gesperrten Straßen. Ein Hauch von Anarchie weht dabei trotzdem noch durch den ehemaligen Szenekiez. In Kellereingängen entstehen temporär geduldete illegale Straßenbars, Anwohner im Hochparterre richten ihre Lautsprecher auf die Straße und Haschischzigaretten kreisen auf spontanen Open Airs. Der Görlitzer Park, dieses Jahr aus Sicherheitsgründen zum ersten Mal mit Eingangskontrollen, ist überhaupt ein einziges großes Open Air. Doch auch derjenige, dem nicht nach Rauscherfahrungen am Straßenrand zu Mute ist, kommt auf seine Kosten. Denn neben den Caipirinha-Ständen schlagen Fressbuden aller Art wie Pilze aus dem Boden, von Nackensteak bis Keto-Streetfood ist hier alles dabei. Was den 1. Mai noch besonders macht: Der sonst so elitär in durch Mitgliedschaften und strenge Türpolitiken abgeschotteten Etablissements verkehrende Berliner sucht an diesem einen Tag das Glück in der Masse. Das Bier verbindet Halbstarke, Alt-68er, Studenten und Startupper gleichermaßen. Ganz schön zur Abwechslung.

 

Interesse für einen spontanen Besuch geweckt? Dann lohnt es sich schon in der Vornacht zu kommen, um auf einer der vielen Walpurgisnachtpartys reinzufeiern. Das muss auch nicht in Kreuzberg sein. So kann man beim erklärt pazifistischen Tanz in den Mai im Mauerpark kostenlos zu DJs und Bands verschiedenster Musikrichtungen schwofen. Für politisch ambitionierte gibt es auch einige friedliche Demos, zum Beispiel von den Gewerkschaften. Viele Clubs öffnen am 1. Mai ihre Außenbereiche zum tagsüber Feiern – auch das meist umsonst. Doch auch wer es nicht mehr so kurzfristig nach Berlin schafft, hat diesen Monat noch Gelegenheit Kreuzbergs Straßen unsicher zu machen. Zum Karneval der Kulturen. Doch das ist eine andere Geschichte.